Konzert

Mo 15.12.1997 | Einlass ab | Konzertbeginn

Inchtabokatables

Massakrierte Geigen

The Inchtabokatables im LKA

Expressiver geht´s kaum noch: Der Mann, der sich B- Breuler nennt, streicht die Saiten, als gelte es, zähes Fleisch im Akkord zu schneiden, und er schrubbt selbige, als hand­le es sich bei seinem Instrument um eine Elek-trogitarre, die nach guter alter Hardrocker-art der finalen Zertrümmerung auf dem Büh­nenboden harrte. Nun spielt die Band des B. Breuler jedoch keinen Hardrock, und die Sai­ten sind auch nicht auf eine Gitarre ge­spannt, deren letztes Stündlein längst ge­schlagen hätte. Ginge ja gar nicht, lautet der Slogan der Inchtabokatables doch „No Guitars ". Eine Geige also ist´s, die sich vom veits­tanzenden B. Breuler massakrieren lassen muß. Und weil geteiltes Leid ja halbes Leid sein soll, quält ein Derwisch namens Herr Yen noch eine Geige, und ein etwas ruhigerer, vielleicht deshalb B. Deutung geheißener Zeitgenosse macht sich über ein Cello her. Gemeinsam mit einem Elektrobassisten und einem Schlagzeuger bemühen sich die drei Streicher um eine Art Kammermusik, auf die sich Pogo tanzen läßt. Oder um folkigen Punk, punkigen Folk, grungigen Folk-Punk gar, so ganz genau weiß man´s nicht, weil die. Inchtabokatables alles dransetzen, ihr Klangbild alle paar Takte möglichst nachhal­tig zu verändern. So entsteht dann Musik, die nicht faßbar klingen will, sondern schlicht intensiv. Und manchmal gelingt ihr das auch. In den ausgie­bigen Instrumentalpassagen etwa entsteht aus dem Wettstreit der Rock- und der Strei­cherfraktion eine berührende Spannung, die allerdings stets unwirsch endet, wenn Baß und Schlagzeug wieder alle süßsäuerlich tö­nenden Klangpflänzchen rabiat niedermä­hen. Auch B. Breulers ekstatischer Gesang, der eigentlich bestens geeignet ist, solche Spannungsmomente zu multiplizieren, spült in seiner Überdrehtheit die feinen Nuancie­rungen der Berliner Combo allzuoft allzu­wild rauschend durch die Lautsprecher. Bedrohlich explodierende Silvesterknal-ler erinnern noch schnell daran, wie prall doch das Leben und wie vergänglich die Kunst sei. Oder war´s doch andersrum? So ganz genau weiß man´s nicht, weil an der Zer­reißgrenze zitternde Geigensaiten auch schon wieder ein Wörtchen mitzureden ha­ben. Ein Tänzchen in Ehren, so scheinen sie zu schreien, sei bei den Inchtabokatables in jedem Falle angebracht. Michael Werner stuttgarter zeitung 17.12.1997