Konzert

Fr 27.02.2009 | Einlass ab 19:00 Uhr | Konzertbeginn 20:00 Uhr

GLASHAUS

Um GLASHAUS zu begreifen, genügt es sicher – wie es bei Popmusik eben ist –, im richtigen Moment die CD einzulegen und zuzuhören. Wer der deutschen Sprache mächtig ist und ein wenig Zeit auf diesem Planeten verbracht hat, wird sich schon irgendwo in diesen vom Leben geschriebenen Stücken wiederfinden. Selbst wer kein Deutsch versteht (und dem entgeht im Falle von GLASHAUS wirklich etwas), wird wahrscheinlich von der Kombination aus Musik, Gesang und was immer es ist, das da mitschwingt, bewegt sein und spüren, dass es sich hier um etwas Authentisches handelt.

DIE MUSIK DRÜCKT DAS AUS WAS NICHT GESAGT WERDEN KANN UND WORÜBER ZU SCHWEIGEN UNMÖGLICH IST. Victor Hugo Man fühlt es einfach, wenn man zuhört. Aber wir wollen wissen, wer, warum und wie. Referenzen und Fakten. Na gut. GLASHAUS-Werke beschreiben die Welt aus der Perspektive eines gewissen Moses P. Pelham, seines Zeichens eine Hälfte des Produzentenduos Pelham & Haas, Hauptautor, Kopf, Namensgeber und erstes Drittel des seit 1999 bestehenden Trios, das uns Stücke wie "Wenn das Liebe ist", "Bald (und wir sind frei)" oder "Haltet die Welt an" bescherte, um nur aus jedem der bisherigen Studioalben "GLASHAUS", "GLASHAUS II – Jah Sound System" und "DREI" ein Stück zu nennen. Als Sohn des Blues- und Soulmusikers Moses S. Pelham schrieb Moses Pelham junior bereits als Grundschüler erste Stücke und versuchte sich als Schlagzeuger, bis er im Alter von zwölf Jahren während eines Amerikaaufenthalts mit Rap in Berührung kam. Moses Pelham wurde Vordenker in Sachen Deutscher Hip-Hop, hatte sich das Mikrofon mit den Fat Boys, Afrika Bambaataa, Big Daddy Kane, Maze, Chaka Khan, Mother’s Finest und Turbo B. geteilt, eine LP mit den Produzenten von SNAP! gemacht und war – gelinde gesagt – sehr unzufrieden mit der Situation von afroamerikanisch inspirierter Musik in Deutschland, als er 1989 den Musiker Martin Haas kennenlernte. Martin Haas, seines Zeichens andere Hälfte von Pelham & Haas, musikalischer Autor, Keyboarder, Programmierer, Sänger, Audio-Engineer und zweites Drittel von GLASHAUS, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Karriere in der deutschen Rugby-Nationalmannschaft hinter sich, sein erstes Instrument, die Geige, gegen die Tasten und das Mikrofon eingetauscht und auf vielen Bühnen gesungen und gespielt. Mittlerweile war Haas Betreiber eines kleinen Tonstudios, in dem er Werbe- und Filmmusiken komponierte, und wie Pelham davon überzeugt, dass die spannendste Musik in Deutschland noch nicht aufgenommen wurde.
So begannen die beiden trotz oder gerade wegen der – wer weiß das heute schon noch genau – unterschiedlichen musikalischen Hintergründe, gemeinsam zu arbeiten. Man spielte sich gegenseitig Platten vor und profitierte von den Erfahrungen des anderen. Es dauerte über vier Jahre, bis die erste gemeinsame Produktion der beiden erschien, aber diese veränderte das Gesicht von Musik aus Deutschland: Rödelheim Hartreim Projekt "Direkt aus Rödelheim". Es folgten viele Produktionen, unter anderem alle Sabrina Setlur-Alben, alle Moses Pelham-Alben und die Blaupause für Deutsche Soulmusik schlechthin, das bis heute erfolgreichste Xavier Naidoo-Album "Nicht von dieser Welt", bis Pelham & Haas im Jahr 1999 begannen, mit der 19-jährigen Sängerin Cassandra Steen Lieder aufzunehmen. Lieder, die so sehr die Perspektive von Pelham waren, dass sie als Platte eines 19-jährigen Mädchens ungeeignet erschienen.
Man nannte Pelhams – von einer glasklaren Stimme vorgetragene – Seelenspiegelung aufgrund der offensichtlichen Assoziationen GLASHAUS und was als Projekt passiert war, wurde zu einer (auf der Bühne 11-köpfigen) Band, die unzählige Shows und vier Tourneen spielen, zehn Singles, drei Studioalben, eine Live-CD/DVD und schließlich Ende 2006 eine Best-of-CD/DVD namens "Von Herzen – Das Beste" veröffentlichen und so innerhalb von sechseinhalb Jahren hunderttausende von Menschen erreichen sollte. Moses Pelham, Martin Haas und Cassandra Steen trennten sich nie offiziell, aber eine neue GLASHAUS-Platte in dieser Besetzung war in den letzten Jahren aufgrund der ausgedehnten Soloaktivitäten von Steen schlicht nicht möglich. So sammelten sich über 100 potentielle GLASHAUS-Stücke ohne Perspektive, in naher Zukunft veröffentlicht zu werden.

Aber Musik sendet Signale aus und verbindet Menschen, die einander persönlich überhaupt nicht kennen.

WENN MEINE LIEDER DICH BEGLEITEN (...) DANN SIND WIR IN DIESEN LIEDERN FESTER MITEINANDER VERBUNDEN ALS ES DIE MEISTEN VERWANDTEN JEMALS SEIN WERDEN ...
Moses Pelham (Geteiltes Leid I, 1998) 1989, dem Jahr, in dem Pelham & Haas einander kennenlernten und begannen, an ihrer gemeinsamen Vision von Musik zu arbeiten, kam in Berlin-Kreuzberg ein Kind zur Welt. Das kleine Mädchen hörte auf den Namen Giuseppa, was irgendwann nur noch Peppa abgekürzt wurde. Als Tochter eines Orchestermusikers und Enkelin einer Sopranistin erhielt sie gezwungenermaßen eine musikalische Ausbildung, tanzte aber auch, da ihre Mutter Rödelheim Hartreim Projekt-Fan war, als 6-jährige zu "Höha, schnella weita", rappte als 8-jährige zu Sabrina Setlurs "Du liebst mich nicht" und weinte als 12-jährige zu "Wenn das Liebe ist". Aufgrund ihrer musikalischen Früherziehung weinte Peppa aber nicht nur zu "Wenn das Liebe ist", sondern spielte und sang das GLASHAUS-Stück auch fehlerfrei und erhielt ein Stipendium für Hochbegabte. 2005 stand die damals 16-jährige, mit dem eigentümlichen Nachnamen "Singt", im Publikum eines der letzten GLASHAUS-Konzerte und 2008 als 19-jährige endlich auch in dem Studio, aus dem die Musik, die sie von Kindesbeinen an hört, stammt. Hier bemerkte man zwar sofort Peppas Potential, aber erst nach einigen Sessions, dass das, was da gerade passierte, GLASHAUS war. Eines führte zum anderen und so erscheint nun endlich, vier Jahre nach dem Top-5-Album "DREI", im Herbst das vierte GLASHAUS-Studioalbum "NEU". Der Umstand, dass Peppa Singt neben den für GLASHAUS obligatorischen leisen, einfühlsamen Tönen eben auch die druckvoll-mitreißenden beherrscht, macht diese facettenreiche Platte zwar überhaupt erst möglich und wäre Grund genug für ihren Titel, ist aber nicht die einzige Neuerung im GLASHAUS. "NEU" hat eine neue Haltung, eine neue Energie. "NEU" ist optimistischer, bunter und kraftvoller als seine Vorgänger.
Waren GLASHAUS-Klassiker wie "Wenn das Liebe ist" oder "Haltet die Welt an" geradezu von Verzweiflung geprägt, so entfaltet sich auf neuen Werken wie "Das hier" – der ersten Singleauskopplung aus "NEU" –, "Licht", "Nach vorn" oder "Streben nach Glück" das genaue Gegenteil: absoluter Überlebenswille, an Sicherheit grenzende Hoffnung, Motivation und Entschlossenheit.
Man kann spekulieren, woher dieser Wandel rührt. Ist es die Lebenssituation der Beteiligten oder einfach die Zeit, die bei aller Sensibilität, die GLASHAUS noch immer auszeichnet, einfach nach einem anderen Kampfgeist verlangt? Wir können nur mutmaßen. Lebensfreude und positive Perspektive jedenfalls sind auf "NEU" nicht zu überhören und erklären sich vielleicht gerade durch nachdenklichere Lieder wie "Sie kommt zu mir" oder "Es". Aber "NEU" klingt auch neu. Neu im Sinne von frisch und extrem abwechslungsreich. Natürlich profitiert "NEU" von der Erfahrung und der allgemein anerkannten Professionalität, Sorgfalt und Sensibilität des seit nunmehr 20 Jahren gemeinsam hinter den Reglern agierenden Autoren- und Produzentenduos. Wichtiger erscheint bei dieser Platte jedoch die Freude am Entdecken und Experimentieren. Moses Pelham und Martin Haas, die beiden Trackmaker mit einer der eindrucksvollsten Diskographien Deutschlands, müssen nicht auf ihre Produktion aufmerksam machen und wissen, dass ihre Aufgabe vor allem darin besteht, eine Stimmung zu erzeugen und ein Fundament zu legen, auf dem Peppa Singt brillieren und das jeweilige Gefühl sich entfalten kann. Dennoch ist den Soundtüftlern kein Weg zu weit und kein Experiment zu aufwendig, um zum bestmöglichen und oft genug überraschenden, aber nie effekthascherischen Ergebnis zu gelangen. Neben ihren eigenen Programmierungen und einzelnen Musikern der GLASHAUS-Live-Band nahmen Pelham & Haas für "NEU" vom Bulgarian Film Orchestra in Sofia bis hin zu Schafen und der Schaukel in Moses Pelhams Garten alles auf, was ihnen dem Sound von "NEU" zuträglich erschien, experimentierten mit verschiedensten Klangerzeugern und schreckten nicht davor zurück, Teile ihrer Aufnahmen extrem zu bearbeiten, wie man es sonst vielleicht eher im Elektrobereich erwarten würde. Jedes Lied ist anders und mit unterschiedlichen Mitteln gemacht. Auf "NEU" finden sich klassische Elemente ebenso wie Staubsauger, die Basslinien spielen. Hier trifft intuitives Arbeiten auf hochkomplexe mehrstufige Produktionsvorgänge. Man hört an den Details, wie ernsthaft hier über zwei Jahre lang mit Freude geforscht wurde. Apropos hören: Können wir jetzt bitte die CD einlegen und hören? Schließlich ist es das, worauf es ankommt.